Aktuell » Presse » Pressespiegel » Pressespiegel 2006 » Spiegel Online 07/06

CARSHARING

Kampf statt Kooperation

Von Sascha Klettke Jahrelang haben die beiden Anbieter für Carsharing, Greenwheels und die Deutsche Bahn, eng miteinander kooperiert. Letzte Woche war damit plötzlich Schluss. Die Bahn knipste das Buchungssystem des Konkurrenten ab und buhlt nun um dessen Kunden.

Hamburg - Freitag, 18 Uhr. Während die Fußball-Nationalmannschaft um den Einzug ins Halbfinale kämpft, sperrt die Deutsche Bahn für die 8000 Kunden des Carsharing-Anbieters Greenwheels den Zugang zu ihrem Buchungssystem. Wer hier wie gewohnt für ein paar Stunden ein Auto ausleihen möchte, bekommt statt der Buchungsmaske ein Angebot der DB Carsharing zu sehen: Man könne jetzt den Anbieter wechseln.

Bisher dominierten DB Carsharing und Greenwheels gemeinsam das Geschäft mit dem Carsharing, bei dem viele Beobachter noch Wachstumspotenzial sehen. DB Carsharing steckt Geld in die Werbung, betreibt ein Buchungssystem und ein Callcenter, auf das andere Anbieter zurückgreifen können. Außerdem sorgt die Bahn-Tochter für Vernetzung: Wer bei ihr oder einem ihrer Kooperationspartner Kunde ist, kann auch Autos in anderen Städten nutzen. Greenwheels - aus dem Carsharing-Pionier Stattauto hervorgegangen - brachte Fahrzeuge in den Verbund ein: 120 an 70 Standorten in Berlin und 60 Autos an 30 Stationen in Hamburg.

Nun ist die Partnerschaft jäh beendet. Birger Holm, Vorstandsmitglied der Greenwheeels AG, ist empört über das Vorgehen der Bahn: "Das ist ein Unding, was hier mit unseren Kundendaten passiert." Eigentlich wollte Greenwheels Buchungen erst ab dem 1. August in Eigenregie organisieren und so von der Bahn unabhängig werden. Doch dann gab es Streit um die Übergabe-Modalitäten und plötzlich ging alles schneller als gedacht: DB Carsharing habe am Donnerstag mitgeteilt, dass schon am Freitag um 18 Uhr Schluss ist mit der Zusammenarbeit - nur 36 Stunden nach der Ankündigung, berichtet Holm.

Ende des Duopols

Seitdem versuchen die IT-Techniker von Greenwheels, das eigene Buchungssystem fehlerfrei zum Laufen zu bringen. Noch gibt es dabei Probleme. "Wir hoffen, dass dies in wenigen Tagen abgeschlossen ist", sagt Holm. Dass es bei einer so großen Datentransaktion Schwierigkeiten gebe, sei normal. "Ungewöhnlich ist aber, dass man so etwas innerhalb von 36 Stunden erzwungenermaßen machen muss. Das kann nicht in so kurzer Zeit funktionieren. Und das weiß die Bahn auch."

Die Bahn kontert, das Ende der Beziehung sei absehbar gewesen: "Die Verhandlungen laufen seit zwei Monaten und die Konsequenzen für Greenwheels waren klar", sagt Rolf Lübke, Geschäftsführer der Tochterfirma DB Rent. Folgen hat das aber auch für die Kunden der Bahn: Sie können die Greenwheels-Autos in Hamburg und Berlin ab sofort nicht mehr nutzen. Lübke verspricht Abhilfe. In Berlin werde die Bahn in Kürze weitere Autos anbieten - auch mit neuen Partnern. Das heißt: Künftig werden weitere Anbieter auf dem Carsharing-Markt auftauchen.

Streit um Kunden

Die Verhandlungen über eine weitere Zusammenarbeit sind am Geld gescheitert. "Greenwheels wollte zwar weiter das DB-Logo und unser Carsharing-Netz nutzen, aber wenig bis gar nichts dafür zahlen", sagt Lübke. Greenwheels hält die Forderungen der Bahn zu hoch und ist mit deren Verhandlungsstil unzufrieden: "Wenn es auf der einen Seite den Gutsherren gibt und auf der anderen Seite den Leibeigenen, dann ist das kein faires partnerschaftliches Verhältnis", so Birger Holm.

Nicht nur über die Schnellabschaltung des Buchungsservers streiten die beiden Unternehmen: Greenwheels wirft der Bahn zudem das Abwerben von Kunden vor. Vor allem geht es um diejenigen, die bei Stattauto einen Vertrag im DB-Carsharing-Tarif abgeschlossen haben. Die Bahn hat den Kunden mitgeteilt, dass sie die Verträge übernehmen wird. Holm hält dagegen: "Das sind unsere Kunden, deren Daten wir der Deutschen Bahn AG gegen Entgelt zur Verwaltung übergeben haben. Das ist völlig eindeutig."

DB Rent-Geschäftsführer Lübke sieht das Recht dagegen auf seiner Seite. Dies sei eine Folge der alten Verträge: "Wir hatten Gebietsschutz, das heißt, wir haben geworben und Stattauto hat den Kunden bekommen." Jetzt müsse man den Kunden mitteilen, was sie tun müssten, um weiter DB Carsharing zu nutzen. Holm will rechtliche Schritte gegen die Bahn-Tochter nicht ausschließen. So könnte es sein, dass die früheren Kooperationspartner sich bald vor Gericht treffen.

Aufeinander angewiesen

Erstmal sind beiden Firmen noch aufeinander angewiesen. Der Besitzer der Greenwheels AG, die niederländische Collect Car B.V. hat im Februar die Firma Shell Drive übernommen, als der Mineralölkonzern sich aus dem Geschäft mit dem Auto-Teilen zurückzog. Die Buchungen der 13.000 ehemaligen Shell-Kunden laufen weiter über die Server der Bahn, sie sind vom Vertragsstreit nicht betroffen. DB Carsharing rechnet aber damit, dass auch diese Kooperation bald zu Ende ist. "Nach den Kündigungsfristen gehe ich davon aus, dass am Jahresende Schluss ist", so Lübke.

Dann wären Greenwheels und DB Carsharing wieder echte Konkurrenten - was beide Seiten bedauern. Mit fast den gleichen Worten beschreiben sie, warum eine Zusammenarbeit auch in Zukunft sinnvoll wäre. Greenwheels-Vorstand Holm über den bisherigen Partner: "DB Carsharing ist im wesentlichen ein Produkt für Fernreisende, die im ICE durch die Republik fahren und an ihrem Ziel ein Carsharing-Aurto nutzen wollen". Und DB-Rent-Chef Lübke ergänzt: "Greenwheels wendet sich an lokale Kunden, die an ihrem Heimatort ein Auto nutzen wollen." Eine gute Kombination, die den Unternehmen eine bessere Auslastung der Fahrzeuge bringt und den Kunden ein dichteres Netz.

Diese Vorteile sehen beide: "Aber am Geld scheitert manchmal auch die ideale Ergänzung", sagt Bahn-Mann Lübke.

Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,424940,00.html, 2006-07-04

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